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Die verlorene Bibliothek - Die Zerstörung des Magnus-Hirschfeld-Instituts

1919 gründete Magnus Hirschfeld das weltweit erste "Institut für Sexualwissenschaft". Es war in einer großen, dreigeschossigen Villa in Tiergarten untergebracht. Die Bibliothek umfasste ca. 20.000 Bücher, 35.000 Photographien und 40.000 Erfahrungsberichte bzw. biographische Briefe.

1924 wurde das Institut in eine Stiftung umgewandelt und Hirschfeld zum Direktor auf Lebenszeit ernannt. Die Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität verpflichtete sich seinerzeit, das Institut nach Hirschfelds Tod als eine universitäre Einrichtung zu übernehmen und einen Lehrstuhl für Sexualwissenschaften zu schaffen. Dazu ist es nach dem Krieg nicht gekommen.

Das Institut hatte zu Hirschfelds Zeit über vierzig Mitarbeiter und bot wissenschaftliche und juristische Hilfe in allen sexuellen Fragen an: Schwangerschaftsberatung, allgemeine körperliche und seelische Sexualleiden sowie spezielle Hilfe für Homosexuelle, Transvestiten und Hermaphroditen. Levy-Lenz, ein damaliger Mitarbeiter, führte den Vandalismus der Nazis nicht zuletzt darauf zurück, dass viele prominente Nationalsozialisten selbst Patienten des Instituts gewesen waren und Indiskretionen fürchteten.


Die Plünderung

Die Aktion wurde von Studenten der Hochschule für Leibesübungen durchgeführt. Ein Augenzeuge berichtet:

"Am 6. Mai um 9.30 Uhr erschienen vor dem Institut einige Lastautos mit ca. 100 Studenten und einer Kapelle mit Blasinstrumenten. Sie nahmen vor dem Hause militärische Aufstellung und drangen unter Musik in das Haus ein. (...) Die Studenten begehrten Einlass in sämtliche Räume; soweit diese verschlossen waren (...) schlugen sie die Türen ein. Nachdem ihnen die unteren Räume nicht viel boten, begaben sie sich in das erste Stockwerk, wo sie in den Empfangsräumen des Instituts die Tintenfässer über Schriftstücke und Teppiche ausleerten und sich dann an Privatbücherschränke machten.

Sie nahmen mit, was ihnen nicht einwandfrei erschien (...) Aus dem Archiv entfernten sie dann die großen Wandtafeln mit den Darstellungen intersexueller Fälle (...) Die meisten der anderen Bilder (...) nahmen sie von den Wänden und spielten mit ihnen Fußball, so dass große Haufen zertrümmerter Bilder und Glasscherben zurückblieben. Auf die Einwände eines Studenten, dass es sich um medizinisches Material handele, antwortete ein anderer, darauf käme es nicht an, es wäre ihnen nicht um die Beschlagnahme von ein paar Büchern und Bildern zu tun, sondern um die Vernichtung des Instituts.

Unter einer längeren Ansprache wurde dann ein lebensgroßes Modell, das den Vorgang der inneren Sekretion darstellte, aus dem Fenster geworfen und zertrümmert. In einem Sprechzimmer schlugen sie einen Pantostaten, der der Behandlung von Patienten diente, mit einem Schrubber ein. Ferner raubten sie eine Bronzebüste von Dr. Hirschfeld. Auch sonst wurden viele Kunstwerke mitgenommen. Aus der Institutsbibliothek nahmen sie zunächst nur einige hundert Bücher mit.

Während der ganzen Zeit wurde das Personal bewacht, und immer wieder spielte die Musik, so dass sich große Scharen von Neugierigen vor dem Hause ansammelten. Um 12 Uhr hielt der Führer eine größere Schlussansprache, und unter Absingen eines besonderen Schmutz- und Schundliedes zog der Trupp ab.

Die Bewohner des Instituts hatten angenommen, dass es mit dieser Plünderung sein Bewenden haben würde, aber um 3 Uhr nachmittags erschienen abermals mehrere Lastautos mit SA -Leuten und erklärten, dass sie die Beschlagnahme fortsetzen müssten (...) Dieser zweite Trupp nahm dann nochmals eine gründliche Durchsuchung aller Räume vor und schleppte in vielen Körben alles mit, was an Büchern und Manuskripten von Wert war, im Ganzen zwei große Lastwagen voll. (...)

Immer wieder fragten sie nach der Rückkehr Dr. Hirschfelds. Sie wollten, wie sie sich ausdrückten, einen 'Tip' haben, wann er wohl zurückkomme. Schon vor der Plünderung des Instituts waren mehrere Male SA-Männer im Institut gewesen und hatten nach Dr. Hirschfeld gefragt. Als sie die Antwort erhielten, dass er sich wegen einer Erkrankung an Malaria im Ausland befinde, erwiderten sie: Na, dann krepiert er hoffentlich auch ohne uns; dann brauchen wir ihn ja nicht erst aufhängen oder totschlagen.”





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