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Bereits im Vorfeld des 10. Mai 1933 gab es Aufrufe in der Presse zu Protestmärschen und Gottesdiensten gegen die Bücherverbrennung, zum Beispiel in der New York Times (NYT). Viele Künstler, unter ihnen so berühmte wie Helen Keller oder Sinclair Lewis, nutzten die Verbreitungsmöglichkeiten der Presse, um ihren Protest in Offenen Briefen an Deutschland auszudrücken.

"Wenn Ihr glaubt, daß Ihr Gedanken umbringen könnt, habt Ihr nichts von der Weltgeschichte gelernt. Genau das haben Tyrannen des öfteren versucht, und die Ideen sind in all ihrer Allmacht entstanden, und sie haben sie der Zerstörung preisgegeben. Meine Bücher könnt Ihr verbrennen und die der besten Köpfe Europas, jedoch ist das darin enthaltene Gedankengut durch Millionen von Kanäle durchgesickert und es wird fortfahren weitere Köpfe zu beleben. (...) Ich bin eingedenk der bedrückenden Komplikationen, die euch zu dieser Intoleranz gebracht haben. Um so mehr bedaure ich die Ungerechtigkeit und Unklugheit, ungeborene Generationen mit dem Stigma eurer Taten zu belasten. Glaubt nicht, eure barbarischen Handlungen an den Juden seinen hier unbekannt. (...)"

[Offener Brief von Helen Keller an die Deutsche Studentenschaft, abgedruckt in NYT, 10. Mai 1933, S. 10, Sp. 2]

In Reaktion auf die Ereignisse vom 10. Mai 1933 brachten die großen Tageszeitungen wie NYT, Newsweek oder das Time Magazin ausführliche Berichte über das Geschehen in Deutschland. Auch die Protestveranstaltungen in amerikanischen Großstädten wie Chicago, New York oder Philadelphia wurden vielfach kommentiert. In den Informationen der amerikanischen Nachrichtendienste (Associated Press, United Press) und in den Wochenschauen gab es seriöse und angemessene Reaktionen auf die Geschehnisse in Deutschland. Namenslisten von Autoren, deren Bücher verbrannt wurden, fanden sich fast vollständig abgedruckt.

Trotz der umfangreichen Berichterstattung in den amerikanischen Medien ist letztlich aber der Eindruck unvermeidlich, dass sich fast niemand der Kommentatoren wirklich bewusst war, auf welche Entwicklung die Aktion "Wider den undeutschen Geist" hindeutete, welche Signalwirkung sie hatte. Folgende Beispiele aus Reportagen und Kommentaren machen dies deutlich: Die NYT nennt in einem ihrer ersten Leitartikel den Vorfall der Bücherverbrennung "wahnsinnig" ("insane") und "töricht" ("silly"). Am 13. Mai findet sich auf Seite 12 die Bemerkung, die Gedankenfreiheit sei durch Sendungen aus dem Ausland gesichert, da die Nazis ja wohl kaum (Radio-) Mikrofone verbrennen könnten. In der Ausgabe vom 17. Mai nennt der Präsident des amerikanischen PEN-Clubs die Situation in Deutschland eine "Tragikkomödie". An anderer Stelle werden die lodernden Scheiterhaufen in Deutschland als "absurd performance" beschrieben. Aber es gab auch Journalisten in den USA, die die Situation durchschauten. Der Artikel des liberalen Kolumnisten Walter Lippmann (1897-1974) kann dies verdeutlichen:

"(Diese Scheiterhaufen) sind Symbol des moralischen und geistigen Charakters des Naziregimes. (...) Und was symbolisieren sie? Nichts weniger als die Überzeugung der jetzigen Beherrscher Deutschlands, daß Gewalttätigkeit das Mittel zur Lösung menschlicher Probleme ist. (...) Hätten die Nazis lediglich die Bücher der deutschen Republik oder der Kommunisten verbrannt, hätte die Welt sagen können, sie habe eine Episode in einem Bürgerkrieg erlebt. Hätten sie lediglich die Bücher jüdischer Autoren verbrannt, hätte die Welt sagen können, daß die Nazis die deutschen Juden verfolgten. Aber wenn sie ein apartes Schauspiel ansetzen, mit elaborantem Ritual und unter offizieller Ägide, um Bücher zu verbrennen (wie z.B. Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues), so ist die Schlußfolgerung unvermeidlich, wie furchtbar es auch sein mag, ihr ins Gesicht zu schauen. Die Nazis wollen absichtlich und systematisch den Gedankengang des deutschen Volkes auf eine Kriegsvorbereitung lenken. (...)."

[aus: Germany's Book Bonfire, The Literary Digest, 115 (27. Mai 1933), S. 14f.]

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