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A. Zweig: "Rückblick auf Barbarei und Bücherverbrennung", in: Arnold Zweig, Über Schriftsteller, Berlin und Weimar 1967

Berlin 14. Mai 1933
"Gegen zehn fing es an zu regnen, schließlich zu gießen, einzelne Schirme wurden entfaltet. (...) [Ich] war schadenfroh wegen des nassen Holzes und hörte die einzelnen Meinungen, womit man die ‚Biecher' tränken würde, damit sie wohl brennten. (...) Dann kam der Zug sehr häßlicher Mädchen, mit roten Nasen, Haarsträhnen und giftigem Gesicht. Sie latschten mit Musikbegleitung, ziemlich klitschnaß und bibbernd über den Platz. Nach einer weiteren Stunde ein Zug Studenten, sehr schlapp, sehr häßlich aussehend, mufflig und in zufriedenem Trott, viele, viele, viele, mit Fackeln; Jungens und Kinder mit Fahnen. Jeder, der an dem preußischen Scheiterhaufen vorbeikam, schmiß seine pechgetränkte Fackel hinein; das Feuer lohte hoch auf, bis zur Höhe des ersten Stockwerks vom Kronprinzenpalais. Ich schadenfroh über Blamage vorm Ausland! Dann schleuderten sie in Riesenbögen die Fackeln hoch durch die Luft, die ganze Zeit erklang eine mystisch-düstere Musik in Moll. Jetzt rückten hinten drei Autos an, auf denen stand: "Möbelfuhre". Das waren die Revolutionskarren mit den Opfern. Die Studenten saßen und standen bis aufs Dach dieser Karren, zum Teil in Wichs - bengalisch beleuchtet und gefilmt! Richtig Riesengaudi. Schließlich um Mitternacht, wegen der Stimmung, ergriffen sie die Bücher und schmetterten sie einzeln mit Wollust ins Feuer. Die Funken stoben haushoch, und die einzelnen Blätter taumelten brennend durch die Luft, als spotteten sie über diesen Tod. (...) Dann kam eine Rede von Goebbels mit dröhnendem Lautsprecher. (...) Dies Volk hätte genauso zufrieden glotzend gestanden, wenn sie die lebendigen Menschen verbrannt hätten. Dann ging alles müde, satt und auf seine Kosten gekommen nach Hause. Als Finale wurde natürlich noch das Horst-Wessel-Lied mit hochgehobener Hand angestimmt. Ich als einziger, zwischen Tausenden eingeklemmt, sang weder noch hob den Arm vor den vorbeiziehenden Hakenkreuzfahnen. Ich dachte, es ist mir schnuppe, und wenn die mich lynchen, ich hebe meinen Arm nicht und singe nicht. Aber mir war nun ganz klar geworden, daß an ein hierbleiben nicht mehr zu denken war. Daß wir gehen müssen. Wohl oder übel..."

Golo Mann im Gespräch mit Pierre Bertraux, in: Hermann Haarmann: "Das war ein Vorspiel nur...". Bücherverbrennung Deutschland 1933: Voraussetzungen und Folgen, Berlin und Wien 1983

"Es war eine große Menschenmenge. Dann kam Goebbels, der neu ernannte Propagandaminister, in einem offenen Wagen angefahren. Er hielt eine Rede, die nicht aufwiegelte. (...) Goebbels redete, als ob er von der Sache nicht sehr begeistert gewesen wäre. Er sprach von der Vergangenheit, wie die Studenten früher mit Gummiknüppeln von der Polizei traktiert worden seien. Es war keine seiner üblichen Reden, mit knarrender und krachender Stimme. Er redete, so weit er es konnte, eher zivilisiert. Mein Eindruck war der eines Theaters, einer schwachen Nachahmung des Wartburgfestes; das war es, ja. Keine Volksstimmung. Es war ein bißchen Neugier dabei, viel mehr nicht. Beim Nennen eines Buches, das "den Flammen überliefert" wurde, wurde kein Bravo geschrien. Keine lauten Zurufe. Ein Student muß eine Ansprache gehalten haben. Was er sagte, weiß ich nicht. Sehr eindrucksvoll wird sie nicht gewesen sein, sonst hätte ich sie in meinem Tagebuch notiert."



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